Man hört es viel, auf das Pensionssystem ist kein Verlass: aufgrund demographischer Entwicklung, Geldentwertung, ausuferndes Staates, ist es nicht damit zu rechnen, dass die Pensionen/Renten ausgezahlt werden.
Im Falle des Schweizer Pensionssystem argumentiere ich aber, dass das System nicht einzustürzen droht, auch wenn die Leistungen (für gewisse Gruppen) kleiner werden.
Im nächsten (und letzten) Teil versuche ich ein "Kraftfeld" zu zeichnen, wo wir zur Finanz, auch politische und juristische Sichten hinzufügen. Dann wird die Richtung klar, in welche das Schweizer Pensionssystem sich bewegt - m.E. zur Verdampfung vom Überobligatorium und Verschmelzung von AHV und Obligatorium.
Bei einem "Bank-run" auf die Bank, ziehen die Anleger ihre Guthaben an, wenn sie fürchten, dass die Bank zu wenig Substanz hat. Somit verschlechtert sich die Position der Bank, was die anderen Anleger dazu anspornt, ihre Gelder abzuziehen.
Was wäre ein "Bank-run" aufs Pensionssystem? Da würde man versuchen das Geld aus dem System raus zu nehmen. Wie est es möglich? Folgendes ist u.a. möglich:
- beim Wegzug aus der Schweiz
- beim Kauf einer Immobilie
- bei Gründung einer Firma
- bei der Pensionierung
Dass man das Kapital aus dem Pensionssystem rausnehmen kann, macht es eigentlich attraktiv: ein zusätzlicher Anreiz ins System einzuzahlen. Bein einem Run, wenn das viele auf einmal machen, wird es aber zum Problem. Wie kann der Staat dagegen steuern? Mit der Steuer (Wortspiel beabsichtet), sie wird schon heute erhoben, je nach Kanton unterschiedlich, generell aber viel tiefer als die Einkommensteuer. Es reicht dann die Abzugssteuer mit der Einkommenssteuer gleich zu setzen, und kantonal ausgleichen, um den Leak zu versiegeln.
Außerdem kann man die Regeln verschärfen:
- beim Wegzug aus der Schweiz: nur außerhalb der EU
- beim Kauf einer Immobilie: nur Obligatorium bezugsfähig
- bei Gründung einer Firma: nicht nötig - das machen eh wenige
- bei der Pensionierung: nur max. 50% als Bezug möglich
Also hat heute der Staat genug Mittel um den Run zu verhindern.
Es muss aber nicht zu einem Run kommen, um das System ins Wanken zu bringen. Das System kann die Substanz auch über die Zeit "leaken", sodass es irgendwann am Abgrund steht. Leakt das System lang genug, ist dann auch ein Run wahrscheinlicher. Was ist eigentlich ein "Leak"? Eigentlich ist es ein Bestandteil des Systems, dass das Geld irgendwann zurückgezahlt wird. Von einem "Leak" kann man nur dann sprechen, wenn mehr aus- als eingezahlt wird. Das ist nicht einfach eindeutig festzusetzen, es hängt auch von den Annahmen ab. Was aber generell zu einem Leak führt: - die Lebenserwartung vom Mindest-Umwandlungssatz entkoppelt - Mindest-Umwandlungssatz vom nominellen Zins entkoppelt - Rentenalter von der Lebenserwartung entkoppelt
Die aktuelle Mindest-Umwandlungssatz vom 6.8% ist zu der Zeit beschlossen (*) worden (2003-2005), wenn die Lebenserwartung um etwa 3 Jahre niedriger war als heute. Der urprüngliche Umwandlungssatz im Jahr 1985 lag bei 7.2% bei einer Lebenserwartung, die um 4-5 Jahre kürzer war als im Jahr 2003. Im Jahr 2024 hat es das Volk an der Urne abgelehnt, den Satz auf 6% zu senken.
Die relevanten Größen über die letzten 40 Jahre als Tabelle:
|------|------------------------|---------------------------|-------------------|-----------------|------| | Jahr | Lebenserwartung (M/F) | Restlebenserwartung (M/F) | Rentenalter (M/F) | Umwandlungssatz | Zins | |------|------------------------|---------------------------|-------------------|-----------------|------| | 1985 | 76.9 (73.5/80.2) | 16.5 (14.5/18.5) | 65 / 62 | 7.2% | 4%. | |------|------------------------|---------------------------|-------------------|-----------------|------| | 2005 | 81.3 (78.7/83.9) | 20 (18.1/21.8) | 65 / 65 | 7.1% | 1% | |------|------------------------|---------------------------|-------------------|-----------------|------| | 2025 | 84.5 (82.7/86) | 22.1 (20.6/23.5) | 65 / 64.5 | 6.8% | 0% | |------|------------------------|---------------------------|-------------------|-----------------|------|
(*) der Beschluss vom 2003 war den Satz kontinuirlich von 7.2% auf 6.8% über 20 Jahren (2005-2025) zu senken.
Systemtechnisch hat man den Umwandlungssatz schon im Jahr 2003 zu wenig reduziert (technisch falsch, heißt aber nicht, dass es "fair", "sozial" falsch war). Dass die Verzinsung in den letzten Jahren nah am Null ist, verschärft sich das Problem (man kann das System mit extra Ertrag nicht stabilisieren).
Man sieht ein, dass der politische Widerstand zu gross ist, die Lage zu entschärfen, wie bleibt denn das System stabil? In dem aus der Säule 2b ("Überobligatorium") weniger ausbezahlt wird. Theoretisch kann man den Mindest Umwandlungssatz fürs Überobligatorium auf 1% setzen (wenn nicht auf 0% ...).
D.h. es wird quasi zwischen Halbsäulen 2a und 2b umverteilt.
Zwar lässt sich der Widerspruch auch innerhalb aktuelles Framework lösen, langfristig kann es aber doch zum Problem werden. Hier noch zusätzliche Ein- und Auszahlungen, die im System vorgesehen sind:
- freiwillige Einkäufe in die Säule 2 (2b)
- erhöhte Einzahlungen in die Säule 2 (2b)
- Arbeitspensum 80%
Langfristig verzichten immer mehr Arbeitsnehmer auf die freiwilligen Einkäufe (oder halten sie kleiner als früher), zahlen nur den Mindestanteil in die Säule 2, reduzieren das Arbeitspensum (von 100% auf 80% ist es relativ leicht). Also verliert aktuell die Halbsäule 2b an Attraktivität.
Man darf zugleich den Rest von Europa nicht aus dem Blick lassen. Auch wenn das Schweizer Pensionssytem gewisse Probleme aufweist, sind sie im Rest vom Westeuropa noch gravierender. Die relativ bessere Position stärkt die Gesamtattraktivität.
Was sind die möglichen Optionen, um das Problem zu entschärfen? Das Rentenalter zu erhöhen, und den Mindestumwandlungssatz zu senken stösst auf einen politischen Widerstand, der in der aktuellen politischen Landschaft kaum zu überwinden ist. Es kommen immer wieder die Vorschläge, die die Lage weiterhin aus dem Gleichgewicht bringen: für Paare, für Frauen usw. Es mag fair und wünschenswert sein, systemtechnisch ist aber auszugleichen: durch Steuern/Abgaben, Geldentwertung, Umverteilung usw. Dabei ein rein technischer Blick ist absolut falsch, sonst käme man auf die Idee, die Lebenserwartung zu verkürzen, was rein technisch das System wieder ins Gleichgewicht rückt.
Der leichteste Ausweg ist natürlich qualitatives Wachstum (d.h. über die Produktivitätssteigerung).
Es kommen zugleich aber neue Herausforderungen hinzu. Das Pensionssystem hatte lebenlange Einstellung im Fokus, mit anderer Familienstruktur und Rolle der Frau. Aufgrund vieler Faktoren ist es heute schwieriger mit Ü50 eine Arbeit zu finden, dabei das aktuelle Arbeitsrecht zusätzlich die Attraktivität dieser Alterskategorie schmalert: man muss viel mehr Abgaben zahlen als für die jüngeren Arbeitsnehmer, und der Kündigungsschutz ist stärker. Das ist sozial und fair, und hatte in der Welt der lebenslangen Einstellung gut fuktioniert, heute nicht mehr.
Die technologischen und geopolitischen Herausforderungen vervollständigen das Gesamtbild. Wenn die KI immer mehr Arbeit abnimmt, die Pensionsbeiträge aber weiterhin dem Arbeitseinkommen entstammen, wer soll die künftigen Pensionen zahlen? Mit jetzigem System und Fortsetzung der Trends landen dann z.B. 80% der Rentner in der Säule 1, die dann quer finanziert wird (z.B. aus der Mehrwertsteuer, wie die neu beschlossene 13. AHV).
Die Schweizer Pension ist sicher, aber im kleineren Umfang, und für kleinere Einkommen (d.h. Überobligatorium ist nicht sicher).